VOR DEM

VERSCHWINDEN

Ein fotografischer Essay.

Nach Januar 2026 wird der alte Campus der Wirtschaftsuniversität Wien sowie das ehemalige Biozentrum an der Althanstraße verschwunden sein. Dieser Komplex, der einen ganzen Stadtteil geprägt hat, gilt heute als veraltet und unpraktisch. An seiner Stelle werden neue Bildungseinrichtungen entstehen. 

 

Diese fotografische Arbeit stellt sich nicht gegen diese Entwicklung, sondern hält inne vor dem, was noch dasteht.

Unendlich viele Arbeitsstunden haben hier Form gefunden, um Jahrzehnte der Wissensvermittlung zu ermöglichen. Der Bau eines solchen Komplexes war ein enormes Unterfangen – Planungen, Konstruktionen, unzählige Entscheidungen. Über Jahrzehnte hinweg diente dieser Ort Tausenden: Vorlesungen wurden gehalten, Prüfungen bestanden, Abschlüsse gefeiert, Begegnungen ermöglicht.

Dass der Campus heute als ungeeignet gilt, negiert nicht, was sich innerhalb seiner Mauern ereignet hat. Diese Fotografien bieten eine letzte visuelle Würdigung eines weithin abgetanen Ortes. 

 

Die Bilder zeigen ihn im warmen Herbstlicht nicht als Scheitern, sondern als geleistete Arbeit, erfüllte Funktion, in Beton und Glas verkörperte Jahrzehnte der Bedeutung.

Die Serie entstand im tiefstehenden Sonnenlicht. Jene Momente, in denen Wärme durch Glasfassaden fällt und leere Hörsäle zu Bühnen der Stille werden. In diesem Licht offenbart der Zweckbau Spuren menschlicher Präsenz: Hände an Handläufen, Gesichter, die sich in sorgfältig gestalteten Fassadenelementen spiegelten, Gespräche auf nun verlassenen Sitzgelegenheiten.

Erahnen kann man die Geschichten der Menschen, deren Hände die Handläufe berührt, deren Gesichter sich in den mit größter Sorgfalt rhythmisch gestalteten Fassadenelemente gespiegelt, deren Gespräche auf den nun verlassenen Sitzgelegenheiten stattgefunden haben.

 

Was hier verschwindet, geht über das Materielle hinaus.

Es ist ein Kapitel städtischer Identität. Es ist ein Zeugnis einer bestimmten Vorstellung von Bildung und Gemeinschaft, die sich im Raum manifestierte.

Der Abriss mag notwendig sein, doch verdient das Bauwerk einen letzten, aufmerksamen Blick. Dieser dient nicht als Widerstand gegen Fortschritt, sondern als Anerkennung dessen, was war.

In diesem Zwischenzustand, zwischen Funktion und Erinnerung, zwischen Architektur und Ruine, liegt eine eigenwillige Poesie.

 

Wie Susan Sontag* beobachtete, verlieren Fotografien ihre ursprüngliche emotionale Ladung und gewinnen durch den Zeitenlauf neue Bedeutung.

*) „On Photography, In Plato’s Cave“, Susan Sontag (Penguin Classics, 1971/2008), page 21: […] most photographs do not keep their emotional charge. A photograph of 1900 that was affecting then because of its subject would, today, be more likely to move us because it is a photograph taken in 1900. The particular qualities and intentions of photographs tend to be swallowed up in the generalized pathos of time past. Aesthetic distance seems built into the very experience of looking at photo-graphs, if not right away, then certainly with the passage of time. Time eventually positions most photographs, even the most amateurish, at the level of art.

Was heute als romantisierender Blick auf scheidende Infrastruktur erscheint, mag künftig gerade deshalb berühren, weil diese Bilder eine spezifische Schwelle dokumentieren.

Sie zeigen den Moment vor dem Verschwinden, eine Geste der Aufmerksamkeit für das Übersehene.

Schönheit entsteht hier nicht aus ursprünglicher Absicht, sondern durch geduldiges Hinsehen, besonderes Licht und das Bewusstsein der Vergänglichkeit.

Die Arbeit hält fest, was kaum betrauert noch vermisst werden wird. Und gerade deshalb braucht des die visuelle Erinnerung, bevor der Wandel vollzogen ist.

„Vor dem Verschwinden“ ist ein unabhängiges dokumentarisches Architekturfotografieprojekt. Von 2021 bis 2026 sind über 130 Bilder entstanden, die dem alten Bildungscampus am Althangrund (Wirtschaftsuniversität, BioCenter) eine letzte visuelle Ehre erweisen, bevor die Gebäude neuen Projekten weichen müssen.

Architekten: Kurt Hlaweniczka, Karl Schwanzer, Gerhard Krampf
Bauzeit: 1976-1982

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